Bio Terror im Bötzowviertel - Das neue Berlin
Nicht jeder wird das Bötzowviertel in Berlin kennen, durch das mich mein Weg täglich führt. Eigentlich kenne ich selbst das Viertel auch erst richtig, seitdem ich dort arbeite. Ich weiß nur, dass, als es unsere schöne DDR noch gab, dort mit Sicherheit keine Menschen wohnen wollten. Das Bötzowviertel war zu diesen Zeiten überhaupt keine Begrifflichkeit, sondern einfach nur ein besonders heruntergekommenes Stück Prenzlauer Berg. Im Allgemeinen wollte man lieber nicht im Prenzlauer Berg wohnen. Das vom Krieg schwer getroffene Viertel wurde mehr schlecht als recht, wie ganz Berlin oft, aus den Trümmern wiedererrichtet. Im Gegensatz zum Westteil der Stadt bliebt das auch bis 1989 so. Im zweiten oder dritten Hinterhof standen stinkende Mülltonnen und im Winter kroch der schwere Geruch von Kohle durch die breiten, grauen Straßen. Die Toiletten waren zu diesen Zeiten noch unbeheizte Außenklos, immer auf halber Treppe. Streunende Katzen und allerlei anderes Getier komplettierten das Bild dieses Stadtbezirks in Berlin Ost. Die Menschen zog es (das mag man wohl heute kaum glauben) in die Plattenbausiedlungen nach Marzahn und Hellersdorf. Nach 20 Jahren also führte mich ein neuer Job in eben dieses Viertel zurück. Der Osten schien nun auf breiter Front besiegt zu sein. Verschwenderisch liebevoll restaurierte Häuser mit Dachgeschosswohnungen beherbergen Kinderläden, Zweiradläden und so manches Mutter-Kind-Café. Nicht selten stand ich im ansässigen Supermarkt vor, hinter oder neben berühmten Schauspielern, welche dieses Viertel nun bevölkern. Eine durchschnittliche Wohnung unbezahlbar und der Kuchen, man nennt ihn jetzt Brownie, kostet zusammen mit einer Tasse Kaffe so ungefähr das Tagesgehalt des 1-Euro-Jobbers, der draußen hoffentlich das Laub zu einem Haufen kehrt. Die parkenden Autos erzählen hier und da die Geschichte von Menschen, die im ViV-Bio-Supermarkt an der Ecke mit spitzen Fingern das Gurkenglass auf Verunreinigungen untersuchen, während die anderen hochallergischen Kunden Biodinkel mit Bionade komplettieren. Teuer wird es, wenn der hundgesichtige Kassierer die Bio-Mozzarella-Pizza über den Barcodescanner führt, als wäre es Nitroglyzerin. Das Viertel bildet eine geschlossene Insel der Sonderbaren. Einige der gefürchteten Berliner Trends scheinen ihr Epizentrum zu finden. So muss man sich nicht wundern, wenn mitten im Sommer teuer angezogene Damen mit gelben Gummistiefeln herumlaufen, das ist hip und soll wohl sagen: sieh her, ich bin fetzig bis alternativ. Alternativ sagt der Berliner auch “n Brett vorm Kopp”. Im Wlan-Café der gehobenen Klasse arbeiten die Bewohner mittags um 12 Uhr auf Ihren Applenotebooks an Dokumenten und versichern sich vor dem hastigen Scrollen der Blicke anderer. Es muss hier schon das Macbookair oder wenigstens ein Macbookpro sein, um im Café den hochwichtigen Eindruck zu unterstreichen. Ich warte auf den Tag, an dem ein Besucher die Maus verkehrtherum über den Tisch kratzt. Das neue Berlin gefällt mir nicht, denn diese Verzerrungen im Raum-Zeit-Gefüge beschränken sich bei weitem nicht nur auf das Viertel vom anderen Stern. Die vielbeschriebe soziale Erosion steht in der Blüte und vertreibt die sympathischen Typen und ersetzt sie durch ich-bezogene Spinner. Die Jugendsprache kennt hier den Begriff Spasst. Es bleibt zu hoffen, dass manche von den Zugezogenen erkennen, wie peinlich das ganze ist oder aber Ihre Heimatdörfer in Hessen wiederentdecken.










