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Betriebssysteme und Romantik - Eine Reise zum Mittelpunkt der Rechner

1 Februar 2009 2,468 views 2 Comments

Es war einst ein Computer, der mir viel bedeutete, er war ein guter Freund und das Tor zu einer fremden Welt als es das Wort Internet noch nicht gab. Ich selbst war 11 vielleicht auch 12 Jahre alt als der Amiga meinen Commodore C 64 ablöste. Bis dahin hatte ich mit dem C 64 jede Menge Spaß gehabt, ihn jedoch mehr wie eine Spielkonsole behandelt. Unermüdlich stopfte ich die großen Disketten in das Laufwerk um Spiele zu laden. Aber immer der Reihe nach:

Es gab die DDR noch und ich war ein Heranwachsender aus Berlin-Ost, ich war vielleicht 9 Jahre alt, da brachte ein Freund meines Vaters ein Computer mit ins Haus, dieser Tag veränderte mein Leben. Auf dem Tisch vor der Couch, welche mein Vater der Mutter auf ständiges Drängeln und Bitten über Beziehungen besorgt hatte, es war so etwas wie ein Prototyp, baute Christoph, also der Freund meines Vaters, den Rechner auf. Einen Monitor gab es nicht, so wurde der Commodore-Computer an den Fernseher angeschlossen, was zu jener Zeit durchaus üblich war. Mein Vater war schon damals begeistert von Computern aller Art, so trug es sich zu, dass er den ganzen Tag in der Werkstatt, befindlich neben dem Fahrradraum des Hauses, an einem eigenen Computer baute. Fragt mich nicht, was genau er da trieb! Er baute einen Rechner der einfache Operationen ausführen konnte. Schüsseln mit giftiger blauer Flüssigkeit in die die Platinen versenkt wurden standen neben Lampen, welche E-Proms bestrahlten. Es roch überall nach Kolofonium und Lötzinn. Es kam schon einmal vor, dass mein Vater während des gemeinsamen Spaziergangs wie angewurzelt stehenblieb und eine Plastikdose von der Straße auflas, um diese sogleich zum Gehäuse eines Voltmeters umzufunktionieren. Meine Mutter wirkte dann und wann nahezu peinlich berührt, weil sie sich wohl um das Erscheinungsbild meines Plastikdosen-sammelnden Vaters sorgte. Dazu jedoch ist zu sagen, dass jeder, der im Osten eine CocaCola Dose besaß, diese meist im Korridor aufstellte. Der Wert einer Plastikdose also ist der heutigen kaum beizuordnen.

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Nun, wo Christoph neben meinem Vater saß und ich von beiden etwas entfernt sollte sich wenige Augenblicke später meine erste multimediale Erfahrung zutragen. Das Spiel “Impossible Mission” von der 5,2 Zoll Diskette zu laden dauerte lange. Aber schlussendlich verwandelte sich unser Wohnzimmer in eine Kathedrale. Der Sound, die Farben, das Spiel, mich überkam beim Zusehen derartige Lust selbst mit dem Joystick das Spiel zu steuern, dass ich es irgendwie schaffte diesen zu erhalten. Ich war jetzt im Spiel! Ich war ein Held, der versuchte in einem Hochhaus gegen üble Roboter zu kämpfen, welche sich in verschiedenen Räumen aufhielten. Ich bekam Angst, die Stimmung, welche das Spiel auf mich übertrug war mir vollkommen unbekannt. Ich war dem Spiel näher als meinem Zuhause. Meinem Vater missfiel, dass ich mit offenem Mund vor dem Fernseher saß und beendete meine Verzückung. Für mich war es zu spät. Ich war süchtig, infiziert mit den neuen Möglichkeiten. Heute kann ich nicht mehr genau sagen, wie ich es geschafft hatte, jedoch verließ der Commodore unsere Wohnung nicht mehr, sondern wurde viel mehr durch einen eigenen abgelöst, der fortan auf dem Schreibtisch meines Vaters wohnte. Ich konnte nun immer damit spielen, wenn mein Vater nicht gerade programmierte oder was immer er auch damit tat.

Schnell wuchs der Spiele Stapel um ein Vielfaches, den nicht nur Christoph bedachte mich bei jedem Besuch mit Raubkopien. So zog sich das wohl einige Zeit. Die Grenze fiel, der Osten und mit ihm unsere Lehrer und deren Überzeugungen waren Geschichte, da besuchte ich das erste Mal meine Uroma in Westberlin. Sie wohnte in einem weißen Schloss gleich hinter der Grenze, welche für mich eine Tür in der Friedrichstraße war, vor der wir immer auf Ihre Ankunft in der DDR warteten. Das Schloss bewohnte Sie jedenfalls in meiner Phantasie, die Fotos Ihrer Wohnung aus dem Märkischen Viertel, welche ich kannte, baute ich in diese Vorstellung ein. Als ich das erste mal dort war, war es schon ein wenig ernüchternd. Ihre Nachbarin jedoch hatte einen Sohn zu dem ich gewissermaßen zum Spielen abgeschoben wurde. Ich, das Ostkind, in Ostkleidern zu den Westkindern vom anderen Stern, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie komisch das war. Aber das wäre eine andere Geschichte.

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Robert jedenfalls hatte einen betuchteren Vater, der ihm fast lieblos das teuerste Zeug  zum Beweis seiner Zuneigung und als Entschuldigung dafür, dass er nie da war, anschaffte. Er hatte einen Commodore Amiga 500. Das Westkind, welches den Wert des Geräts nicht erkennen konnte versuchte mit dem Schraubenzieher eine 3.5 Zoll Diskette aus dem Laufwerk zu befreien, war also dabei das Gerät zu zerstören, als ich dem Computer, meinem Freund, half und die Diskette behutsamer als Robert es tat aus dem Schacht pulte. Ja richtig, der Computer, mein Freund!
Der Amiga (Spanisch = Freundin) war ein echtes Wunderwerk. Er entstammte einer Zeit, als Computer mit Liebe erdacht wurden, als Menschen Geräte noch nicht als idiotische Statussymbole missbrauchten und Software etwas Persönliches war. Mich ergriff eine Liebe zu diesem Gerät, welche mich bis heute nicht verlassen will. Es waren die glückseligsten Computerzeiten. Der Amiga war schick, er war schnell, hatte grafische Fähigkeiten, welche seiner Zeit meilenweit voraus waren und war ein Musikass. All das nutzte ich. Mein Zuhause war nun die Workbench, das Betriebssystem des Amigas. Tagelang richtete ich mich darauf ein, bis es perfekt war. Software zum probieren gab es en mass. Ein Katalog namens Friefish wurde oft mit der Amigazeitschrift herumgereicht und jeder der darauf verzeichneten Disketten war vollgestopft mit toller Software. Mein Dealer war Mike, der hatte einen Computerladen (Comtronics in Berlin) und verkaufte alles was das Herz begehrte. Mir Pimpf, ich war wohl zwölf oder dreizehn, schenkte er viele tolle Dinge oder drückte zumindest preismäßig beide Augen zu. Danke Mike! Mein Amiga hatte Eigenschaften, welche mir heute in Zeiten von Windows Vista komplett fehlen. Eine RAM-Disk ließ mich Dinge einfach in der Zwischenablage aufbewahren, das mache das Arbeiten angenehm und schnell. Das Wort Multitasking gab es nicht, der Amiga jedoch konnte es. So konnte ich das Betriebssystem von meiner ersten Festplatte löschen, als ich gleichzeitig noch darauf arbeitete. Mit D-Paint einem Zeichenprogramm konnte ich Animationen machen und beeindruckende Grafiken fertigen. Meine Klassenkammeraden meldeten sich täglich bei mir an um meinen Freund den Amiga zu bewundern. Ich konnte sie mit AGA-Bildern (256 Farben) komplett sprachlos machen. Die Spiele waren ein Hochgenuss. Die Projekttage in der Schule waren ausgerufen, da erhielten wir einen Raum in dem ich zwei Amigas platzierte. Ich hatte ich eine kleine Anlage samt Subwoofer mitgebracht und demonstrierte wie einfach man Musik selbst komponieren konnte. Wir hatten einen Software 8 Spur Sequenzer und viele Samples, welche wir zu Musikstücken mixten. Die Räume der anderen Projekte waren leer, die Schüler standen vor unseren Amigas Schlange. Selbst die gröbsten Raufbolde befragten uns nun und probierten sich sogleich aus. Das Projekt hatte einen derartigen Erfolg, dass wir noch eine ganze Woche weitermachten, während die anderen Schüler längst wieder Unterricht hatten. Selbst unser Direktor war nun infiziert. Fortan wusste jeder wen er etwas über Computer zu fragen hatte - mich, und das sollte sich noch auszahlen, doch dazu etwas später.

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Es verging einige Zeit und neben dem Amiga gab es nun ein weiteres System, welches die Menschen nutzten, den PC. Dieser war dem Amiga jedoch in allen Klassen weit unterlegen. Mein Herz gehörte dem Amiga, es gab jedoch Gerüchte, dass es Commodore nun schlechter ging. Microsoft mischte mit Windows 3.11 die Karten neu. Die Schweine (so sah ich das damals) hatten Commodore verraten, in dem Sie beschlossen, keine Software für den Amiga zu produzieren. Commodore entwickelte nun eine Konsole, welche seiner Zeit voraus war, der Erfolg hätte riesig sein können, doch die Zeit war einfach nicht reif dafür. Nun jedoch bekam der Amiga den Ruf eines Spiele-Computers, was er jedoch nie war. Ende 1994 brach mit Konkurs von Commodore eine Welt zusammen. Ihr denkt nun ich übertreibe. Für mich war es eine Katastrophe, ein Teil meines Lebens hing an Commodore und dem Amiga und viele meiner Fähigkeiten waren nun schlagartig nutzlos, denn der PC hatte einen stark abweichende Architektur. Es bleib nur noch der Umstieg auf  den ungeliebten PC, den ich immer verachtet hatte, meine große Liebe war tot.

Pünktlich zur Einführung von Windows 95 verkaufte ich also meinen Amiga und stieg schweren Herzens auf den PC um. Meine Bedenken bewahrheiteten sich. Die Romantik, welche mich seit meiner Kindheit in Bezug auf meinen Computer begleitet hatte war schnell verflogen. Ich saß nun vor einer kühlen Kiste mit steifer unpersönlicher Software. Das Betriebssystem  so wie auf dem Amiga einzurichten machte keinen Sin, denn einem PC musste man mindestens alle 6  Monate neu installieren um in den Genuss der vollen Leistung kommen zu können. Es war ein Bürocomputer konzipiert für die Tipsen der Allianz Versicherung mit dem Scharm eines Diaprojektors. Ich versuchte mit allerlei Hardwarebastelei das Maximale aus dem System zu quetschen und hatte bald einen beachtlichen Fundus an Hardware. Bauteile wie Prozessoren, Festplatten oder Gehäuse verkaufte ich an meine Klassenkammeraden, teils mit etwas Gewinn. Der Bedarf an Hardware in meiner Schule stieg, denn Mediamarkt verkaufte nun auch Computer und bald hatten mehr und mehr Haushalte PCs. Wie ich vorhin erwähnte, wussten meine Mitschüler, wen Sie zu fragen hatten, wenn ihr PC zu langsam war. Es ging wie heute auch oft darum die neusten Spiele flüssig spielen zu können. Ich kaufte eine Zeitschrift namens PC-Hardware, bestellte die benötigten Teile, baute diese dann ein und nahm für den Service etwas Geld. Bald sprach sich das ganz herum und nun orderten mich auch die Mütter und Väter meiner Klassenkammeraden. Kaufen konnten Sie alle PCs, aufrüsten konnte die Dosen jedoch keiner. Ehe ich mich versah hatte ich für Hausaufgaben keine Zeit mehr sondern reiste mit einem Servicekoffer durch die Stadt und baute meine Hardware in die langsamen PCs ein.

Eines Abends lag ich vor dem Fernseher und sah eine der ersten Sendungen von Sabine Christiansen Talkshow. Zu Gast war ein Schnösel im Anzug, der damit prahlte, dass er seine Firma bereits mit 17 gegründet hatte, heute wird er wohl arbeitslos sein. An diesem Abend wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich war 16 und als ich meiner Familie am nächsten Tag erzählte was ich vorhatte … stieß ich auf wohlwollende Unterstützung. Inzwischen hatte ich ein Modem, das Internet war geboren und ich konnte mich online informieren. Der Weg ging über das Amtsgericht, in dem ich dann wenige Tage später saß und mich für vorzeitig vollgeschäftsfähig erklären ließ. Einen Tag später gründete ich meine Firma (lcx-computer). Was genau lcx bedeuten sollte konnte ich nie sagen, das stand auf meiner Stereoanlage von AIWA, aber es klang verdammt gut. Ich kaufte mir einen Anzug (in meiner Größe schwer zu finden) und ging damit zur Schule. Ich verkaufte Hardware und bald belieferte ich die ersten Firmen, denn ich hatte mir inzwischen auch eine Internetseite gebaut. Meine PCs waren etwas teurer als die von Mediamarkt oder Saturn, jedoch verbaute ich nur Markenhardware, was meine Systeme deutlich stabiler machte als andere. Gerade für die Geschäftskunden war das ein wichtiges Kriterium. Meine PCs machten mehr und mehr das Rennen. Nun konnte ich im Großhandel einkaufen, denn ich besaß einen Händlerschein.

Die Romantik, welche mich im Bezug auf meinen Computer begleitete jedoch war Geschichte. Nun ging es darum Aufträge zu erhalten, Geld zu kassieren und dann schnell zu liefern. Windows 95 hasste ich und es mochte mich nicht. Dinge, die auf dem Amiga noch normal waren gab es unter Windows gar nicht. Schutzverletzungen, Bluescreens und lieblos gestaltete Oberflächen machten diesen Computer maximal unpersönlich. Das ist im Grunde heute, wo ich Windows Vista benutze, so geblieben. Ich fasse mir von Version zu Version an den Kopf und kann dabei nicht glauben, dass Softwareentwickler solche perverse Funktionsweisen erdenken. Ich frage mich, was zum Geier ist denn der Windows Explorer (Dateiverwaltungstool)? Wer nur kann mit diesem Programm große Mengen Daten verwalten, ohne die Krätze oder einen Hirnschlag zu bekommen? So ein Teil würde ich für Nintendo Konsolen gutheißen, jedoch nicht für professionelle Systeme! Wieso setzt sich der Computer immer noch zu? Windows wird noch heute von Tag zu Tag langsamer, bis die Leseköpfe schlussendlich nach dem Systemstart minutenlang über Festplatte kratzen. Mit 3.6 GhZ und 4 GB Ram kann ich den Programmen beim Bildschirmaufbau zusehen. Gamer sind gezwungen ständig neue Hardware zu kaufen und können, wenn Sie die volle Leistung Ihres Systems nutzen wollen nur wenig andere Software installieren, weil diese das System bremst.

Die Antwort auf diese Fragen liegt in der Architektur des Systems. Der Personal Computer war nie für das Spielen oder Multimedia gedacht. Er sollte Bürodaten verarbeiten können. Die meisten Operationen laufen über die CPU. Der Amiga hingegen hatte für die Bereiche Grafik, Sound und Zugriffssteuerung eine extra CPU, das machte ihn so unglaublich schnell. Die Systemarchitektur war dem PC also bereits 1992 deutlich überlegen. Beim PC versucht man diesen Nachteil mittels immer höheren Taktraten beizukommen, jedoch gelingt das nur teilweise. Nun könnte man sich fragen, warum nicht einfach eine neue Plattform, ein neues System gebaut wird? Microsofts Windows und alle dafür entwickelten Programme würden auf einem System mit neuer Architektur nicht mehr lauffähig sein. Und ohne den weltweiführenden Softwarekonzern wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kein System überleben, zumal die Kosten für eine Neuentwicklung und Markteinführung gigantisch seien dürften.

Ich verkaufe heute keine Hardware mehr. Stattdessen entwickle ich Webseiten und Webanwendungen auf Basis von Microsoft ASP.NET - ISS Servern. Christoph Zimmermann, welcher mir meinen geliebten ersten Commodore ins Haus brachte, kam Ende der 90 Jahre bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Der war ein toller Kerl!
Zum Betriebssystem, welches ich bediene habe ich keine persönliche Bindung mehr, es funktioniert oder eben nicht. Es ist kalt!
Was mir jedoch durch meine Leidenschaft geblieben ist, beschreibe ich mit der Gabe, mich intuitiv in die Maschinen hineinversetzen zu können. Ich sehe mir ein System an und weiß ungefähr, an welchen Stellen Probleme auftreten können. Für uns alle wünsche ich mir wieder ein System, was seine Nutzer zum Lächeln bringen kann und begeistert, nur soviel MacOS ist es ganz sicher nicht.
Gespannt warte ich auf die Bedienung von Computer via Fingergesten.

smashy - de-focus

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